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Rückschau
Das 40. Theatertreffen der Berliner Festspiele

Vieles ist auch beim 40. Geburtstag beim Alten geblieben: Das Theatertreffen war wie immer „das schlechteste, das es je gab“, wurde vom Publikum Abend für Abend gefeiert und alle Vorstellungen waren so gut besucht wie eh und je. Im Haus der Berliner Festspiele waren über 20 Veranstaltungen in 16 Tagen zu erleben, das Publikum nahm an den von uns angebotenen Gesprächen zu den Aufführungen zahlreich teil, Premierenfeiern gab es bis spät in die Nacht und weitere 15 Vorstellungen im Rest der Stadt zu sehen. Insgesamt gab es für über 24.000 Zuschauer Karten, die schon zu Beginn des Festivals fast alle verkauft waren. Wer sich davon nicht beirren ließ und zur Abendkasse kam, hatte oftmals noch Glück und ergatterte eines der heiß begehrten Tickets.

Das Haus der Berliner Festspiele war das Zentrum des Theatertreffens und erstrahlte anlässlich des 40. Jubiläums in neuem Glanze: Die spiegelBAR lud ein zu Begegnungen, Gesprächen, Lesungen, Diskussionen und es wurde oftmals bis tief in die Nacht getanzt. An dieser Stelle sei erlaubt, dass ich mich herzlich bei der Bühnenbildnerin Kathrin Frosch bedanke, die dem Haus zur noch fehlenden Nuance Glamour verhalf.

Das Theatertreffen beweist von Jahr zu Jahr, dass Theater immer auch Streitraum bietet, bieten muss. Das Theatertreffen lässt seine Zuschauer nicht unberührt: Wir durften gemeinsam in fremde Schicksale eintauchen wie z.B. bei Kimmigs Inszenierung von Ibsens „Nora“ und das gleiche Stück noch einmal aus einer anderen Perspektive in Ostermeiers Interpretation sehen, erstaunt über das Potential an Spannung und Aktualität, das es in Ibsens „Emanzipationsdrama“ zu entdecken gab. Die als die zehn bemerkenswerten Inszenierungen der Saison eingeladenen Aufführungen – von unserer siebenköpfigen Kritiker-Jury ausgewählt – waren inhaltlich, formal und ästhetisch sehr unterschiedlich und spiegelten - wie in den 39 Jahren zuvor - die Entwicklung in der deutschsprachigen Theaterlandschaft wider.

Eingeladen waren: „Emilia Galotti“ vom Burgtheater/Akademietheater, Wien (Inszenierung: Andrea Breth), „Nora“ von der Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Insz.: Thomas Ostermeier), zwei Inszenierungen von Frank Castorf: „Meister und Margarita“ von der Volksbühne, Berlin und „Trauer muss Elektra tragen“ vom Schauspielhaus Zürich sowie „Richard III“ in der Regie von Stefan Pucher; vom Thalia-Theater waren drei Inszenierungen zu sehen: „Liebelei“ (Insz.: Michael Thalheimer), „Nora“ (Insz.: Stephan Kimmig) und „zeit zu lieben zeit zu sterben“ (Insz.: Armin Petras), von den Münchner Kammerspielen kam die „Orestie“ in der Regie von Andreas Kriegenburg; den krönenden Abschluss gab Christoph Marthaler mit einem in Berlin bejubelten Stück – „Groundings eine Hoffnungsvariante“ – die kaum einen unberührt ließ.

Der Stückemarkt stand erstmalig offen für internationale Dramatik: Aus Belgien war Jean-Marie Piemme mit seinem Stück „Um die Wurst“ dabei; aus Jugoslawien die junge Dramatikerin Ana Lasic mit „Wo lebst du denn“. Im nächsten Jahr werden weitere Einladungen ins Ausland ausgesprochen werden.

Die eigens für den Stückemarkt gegründete Jury las sich durch über 170, bis dato unveröffentlichte Stücke aus dem deutschsprachigen Raum und entschied sich für zwei Autorinnen und zwei Autoren: Anja Hillig mit ihrem Erstling „Sterne“, Maja Das Guptas „Zappen“, das „Heimspiel“ von Ulf Schmidt und David Lindemanns „Koala Lumpur“. Alle sechs Autoren wurden beim Stückemarkt in szenischen Lesungen vorgestellt und jede Lesung wurde im Schnitt von 160 Zuschauern gehört. Die Autoren/innen hatten zuvor die Chance, zusammen mit erfahrenen Dramaturgen, Regisseuren und Schauspielern an ihrem Stück zu arbeiten. Von allen Autoren wurde dies als sinnvolle Abrundung ihrer Arbeit verstanden.

In Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung konnten wir zwei Diskussionen anbieten: Zum einen die Diskussion mit dem Titel „Kriegstheater“, eine spannende Debatte, die von Michael Naumann moderiert wurde. Eine Lesung von Falk Richters Stück „In God we Trust (7 Sekunden)“ wurde der Diskussionsrunde vorangestellt und gab den Anreiz zu einer heißen Diskussion.
Zum anderen gab es eine kulturpolitische Debatte zum Theatersterben in Deutschland, zu der Jürgen Flimm und Leiterinnen verschiedener Stadttheater geladen waren, um mit dem Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, nach Lösungswegen aus der Misere zu suchen. Die Diskussion wurde von 3sat aufgezeichnet und wenige Tage später ausgestrahlt.

Dank der sehr guten Zusammenarbeit zwischen 3sat und dem Theatertreffen konnten fünf von zehn Aufführungen aufgezeichnet und somit einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden: „Emilia Galotti“ vom Burgtheater Wien, „Nora“ von der Schaubühne am Lehniner Platz, „Richard III.“ und „Groundings“ vom Schauspielhaus Zürich sowie „Liebelei“ vom Thalia Theater Hamburg.

Unter der Leitung von Manfred Linke und Dank des Goethe-Instituts Inter Nationes waren über 50 junge Bühnenangehörige aus dem In- und Ausland zu Gast beim Theatertreffen. Sie nahmen an Workshops teil, sahen die Aufführungen und diskutierten bis tief in die Nacht Perspektiven des deutschsprachigen Theaters.

„Der Theatertäter“ von und mit Thomas Müller war eine spannend-gruselig-analytische Einstimmung am Vorabend zu „Richard III“ und der Thalia Vista Social Club sorgte in einer Mittwochnacht für frenetische Begeisterung beim Berliner Publikum.

Am letzten Sonntag des Festivals gab es dann noch Preise für die Schauspielerinnen Anne Tismer (Nora) und Susanne Wolf (Nora) von 3sat und den Darsteller-Nachwuchspreis der Alfred-Kerr-Stiftung für Fritzi Haberlandt.
Und ganz zum Schluss die rituelle Schelte für die Jury mit dem Resümee: Das 40. Theatertreffen war das schlechteste überhaupt – wie immer.

Wir danken unserem Partner BMW Group sowie allen anderen Sponsoren, ohne die das Theatertreffen so nicht hätte stattfinden können.

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen mit Ihnen im Mai 2004, dann wird das Theatertreffen voraussichtlich zwischen dem 1. und 20. Mai stattfinden.
Schon jetzt: Sie sind herzlich willkommen!

Iris Laufenberg
Leiterin des Theatertreffens